“Globalisierung, Arbeit und Gesellschaftsordnung — Vom Zwangscharakter evolutionärer Entwicklungen und der politischen Gestaltung struktureller Umbrüche”
 

Ziel dieses Promotionsvorhabens ist es wissenschaftlich zu klären, welche Konsequenzen sich aus den seit den frühen 1990er Jahren zu verzeichnenden strukturellen Veränderungen in der Wirtschaftsorganisation, der internationalen Arbeitsteilung und des sich verändernden Verständnisses von der Aufgabenverteilung zwischen Wirtschaft, Politik und Individuum für das deutsche Gesellschaftsmodell Soziale Marktwirtschaft ergeben. Die zentrale Frage des Promotionsvorhabens lautet:
 

Läßt sich der Anspruch des für die bundesdeutsche Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung leitenden Konzepts der Sozialen Marktwirtschaft, nämlich

“das Prinzip der Freiheit auf dem Markte mit dem des sozialen Ausgleichs zu verbinden”
 (Müller-Armack),

angesichts der faktischen Einbindung in das Weltmarktgeschehen und der strukturellen Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft, die mit der "Globalisierung" zwangsweise oder aufgrund des Handelns der politischen Akteure einhergehen, aufrechterhalten?

Und wenn ja: Was sind unter den gegenwärtigen Umständen dessen zentrale Funktionsbedingungen?
 

Konkret sollen in diesem Projekt die Auswirkungen der umfassenden Öffnung der deutschen Volkswirtschaft für den Wettbewerb auf den Weltmärkten für Kapital, Güter, Dienstleistungen und Arbeit auf den deutschen Arbeitsmarkt als dem Herzstück der Sozialen Marktwirtschaft betrachtet und deren Konsequenzen für die Ausgestaltung der kollektiven Systeme sozialer Sicherung analysiert werden. Dabei wird von folgenden Thesen ausgegangen:

  1. Auch weiterhin wird der Produktivitätsfortschritt in den sogenannten “entwickelten” Volkswirtschaften dem Wirtschaftswachstum vorauseilen, so daß die Menge an Erwerbsarbeit weiterhin sinkt. Arbeitslosigkeit läßt sich deshalb nicht durch Wirtschaftswachstum allein bekämpfen.
     
  2. Viele ehemals “Schlüsseltechnologien” und ehemalige “Schlüsselprodukte” der industrialisierten Volkswirtschaften wie die deutsche haben ihren Zenit überschritten und nähern sich dem Ende ihrer Produktlebenszyklen; die Folge sind Prozesse der Dezentralisierung bis hin zu Prozessen der Deindustrialisierung, die aus der Verschiebung weg vom Innnovationswettbewerb, wie er für “junge” Technologien und Produkte typisch ist, hin zu Prozessen des reinen Preiswettbewerbes, wie er “alte” Produkte und Technologien charakterisiert.
     
  3. “Liberalisierung” und “Deregulierung” sowie der breite Einzug der Mikroelektronik als Querschnittstechnologie in Organisation, Verwaltung und Produktion haben den Raum möglicher Standorte dabei im Vergleich zu den späten 80er Jahren um ein vielfaches erhöht und — zumindest theoretisch — auf unseren gesamten Globus ausgeweitet. Damit lassen sich zwar einerseits die Produktionskosten durch die Nutzung der weltweiten Arbeitskostenunterschiede im internationalen Standortwettbewerb senken, andererseits aber im Zuge von Liberalisierung und Deregulierung auch neue Absatzmärkte erschließen.

Für die Verwirklichung des Konzepts Soziale Marktwirtschaft und seines Anspruchs auf sozialen Fortschritt und Ausgleich ergeben sich auf der Basis dieser Annahmen aber deutlich andere Konsequenzen: Denn statt Maßnahmen mit dem alleinigen Ziel einer Wachstumsförderung wie dem Leistungsabbau zur Konsolidierung der Sozialversicherungssysteme und der Staatsfinanzen zu betreiben, statt “aktivierender” Arbeitsmarkt- und Beschäftigungspolitik und einer bewußten Spreizung von Einkommen und Vermögen, muß die Frage nach dem Inhalt und der Ausgestaltung dieses Anspruchs grundsätzlich neu gestellt werden. Wenn nämlich Arbeit in Form personengebundener Erwerbsarbeit und Arbeitskraft nicht nur vorübergehend sondern grundsätzlich seine Bedeutung für die gesamtwirtschaftliche und betriebliche Leistungserstellung verliert, steht nicht nur die Finanzierung des deutschen Systems sozialer Sicherung vor dem Aus, es versagt auch der zentrale Integrationsmotor der deutschen Gesellschaft.

Damit aber stellt sich auch die Frage nach dem Inhalt des Postulats: sozialer Ausgleich, grundsätzlich neu: Sie verleiht beispielsweise den immateriellen Faktoren von Arbeit — Selbstvergewisserung, Rolle, Status, gesellschaftliche Teilhabe — neue Bedeutung und erfordert eine grundsätzliche Neugestaltung seines materiellen Fundaments. Dies kann jedoch aufgrund des erreichten Grades weltwirtschaftlicher Verflechtung nicht unabhängig von der Standortwettbewerbsituation und der weltweit veränderten Rahmendaten für nationalstaatliches Handeln infolge von Liberalisierung, Deregulierung und Weltmarktintegration geschehen.

Welche Konsequenzen also ergeben sich aus der “globalen” Weltmarktöffnung für den materiellen Gehalt des konzeptionellen Anspruchs der Sozialen Marktwirtschaft, Wettbewerbswirtschaft und Sozialen Ausgleich auf Basis der Leistungen eben dieser Wettbewerbswirtschaft zu bewerkstelligen ? Inwieweit verändern sich gesellschaftliche wie politische Handlungsbedarfe und -möglichkeiten im Bereich der Arbeitsmarktordnung und der Systeme Sozialer Sicherung angesichts der veränderten Rahmenbedingungen, wenn diese — wie angenommen — mehr Folgen zentraler Stagnationsprozesse in den “entwickelten” Industriestaaten denn Folgen fundamentaler Wettbewerbsschwächen im internationalen Vergleich sind ? Und schließlich: Was sind die zentralen Funktionsbedingungen, um den konzeptionellen Anspruch der Sozialen Marktwirtschaft angesichts der veränderten Rahmenbedingungen in den Bereichen Arbeitsmarktordnung und Soziale Sicherung zu realisieren bzw. realisieren zu können ?

Diese Fragen bezeichnen den Erkenntnisgegenstand des Promotionsvorhabens, das 2006 abgeschlossen werden wird.  

 

© Christian Trapp 2003