Zur Anlage der Sommerakademie “Bürgergesellschaft — Floskel oder Programm”
 

Im September 1999 veranstaltete das Sekretariat für Zukunftsforschung (SFZ) eine zweitägige Sommerakademie unter dem Motto “Bürgergesellschaft — Floskel oder Programm?”. Mehr als 70 Teilnehmer und Teilnehmerinnen aus Politik, Wissenschaft und Verwaltung sowie interessierte Bürger und Bürgerinnen trafen sich um aufzuzeigen, welche Bandbreite gesellschaftlichen Engagements durch Akteure der Bürgergesellschaft aufgebracht wird.

Zwei Fragen standen im Zentrum der Tagung:

  1. Ist die zu verzeichnende verbale Stärkung der Bürgergesellschaft nur eine Phrase zur Kaschierung eines Rückzugs des Staates aus seiner gesellschafts- und sozialpolitischen Verantwortung oder verkörpert  sie einen neuen Anspruch und ein neues Selbstverständnis im Zusammenwirken von Bürgern, Wirtschaft und Staat bei der Gestaltung unserer Lebenszusammenhänge und unserer Lebensumwelt ?
     
  2. Daran anknüpfend: Kann die Bürgergesellschaft zukunftsrelevante Probleme besser lösen als die “klassischen" Demokratie- und Politikstrukturen ?

Dabei ging es auf der Tagung nicht darum, die Bürgergesellschaft als das Zukunftsmodell schlechthin für die Wiedergewinnung politischer Handlungsfähigkeit zu betrachten. Vielmehr sollten die Chancen, die Risiken und die Rahmenbedingungen aufgezeigt werden, unter denen die Bürgergesellschaft zur Lösung der großen Herausforderungen des gesellschaftlichen Wandels und der drängenden Zukunftsprobleme beitragen kann. Insofern waren folgende Erkenntnisse der Diskussionen von zentraler Bedeutung:

  • Die Bürgergesellschaft ist keineswegs nur ein akademisches Thema, sondern eine lebendige Perspektive für die Demokratie, die vielfältig schon gelebt wird.
     
  • Die Bürgergesellschaft kann weder die institutionalisierte Politik ersetzen noch sie von ihrer Verantwortung für das Gemeinwohl entlassen. Sie ergänzt das bestehende politische System durch neue Formen der Teilhabe der Bürger und Bürgerinnen an den Entscheidungen und der Umsetzung der für die Gestaltung ihrer Lebenszusammenhänge und ihrer sozialen wie materiellen Umwelt relevanten Entwicklungen.
     
  • Bürgergesellschaft ist somit kein Modell, das man —  einmal implementiert —  im Sinne eines Kriterienrasters “abarbeiten" kann, sondern ein permanenter Prozeß eines neuen Miteinanders all derjenigen Akteure, die gesellschaftspolitisch tätig sind oder werden.
     
  • Deshalb läßt sich Bürgergesellschaft auch nicht im Sinne einer Nominaldefintion bestimmen, sondern muß an der Art des Zustandekommens verbindlicher Konfliktregelungen und der Erarbeitung von Problemlösungen gemessen werden.

Auf der Sommerakademie vorgestellte Beispiele zeigten, daß Bürgergesellschaft sich nicht nur auf die Mitwirkung und Beteiligung an politischen Entscheidungen beschränkt, sondern auch jenseits dieses Bereiches formalisierter Politik gesellschaftspolitisch bedeutsam und gestaltend sein kann.

 

Die ReferentInnen und ihre Beiträge:

  • Prof. Dr. Rolf Kreibich, Geschäftsführer und wissenschaftlicher Direktor des SFZ: Bürgergesellschaft — Demokratiemodell für Zukunftsfähigkeit?”
     
  • Maria Huesmann, Abteilungsleiterin im Ministerium für Arbeit, Soziales und Stadtentwicklung, Kultur und Sport des Landes NRW: “Bürgergesellschaft — Eine Positionierung des Landes NRW”
     
  • Dr. Lothar Probst, Geschäftsführer des Instituts für kulturwissenschaftliche Deutschlandstudien an der Universität Bremen: “Idee und Gestalt der Bürgergesellschaft”
     
  • Christian Trapp, wissenschaftlicher Mitarbeiter und Projektleiter am SFZ: “Bürgergesellschaft — Floskel oder Programm? Zur Anlage der Sommerakademie”
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  • Jens Martens, geschäftsführendes Vorstandsmitglied von Weltwirtschaft. Ökologie & Entwicklung e.V. (WEED), Bonn: “NGOs — Überschätzte Akteure in der internationalen Politik? Eine Zwischenbilanz am Ende der 90er Jahre”
     
  • Dr. Elmar Wienhöfer, wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Akademie für Technikfolgenabschätzung in Baden-Württemberg, Stuttgart: “Unmittelbare Bürgerbeteiligung? — Zum Beispiel Bürgerforen”
     
  • Dr. Uwe Hunger, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politikwissenschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster: “»Bürger«-Gesellschaft? Von denen, die nicht die gleichen Rechte und Möglichkeiten der Beteiligung haben”
     
  • Dr. Katrin Grüber, Vizepräsidentin Landtages NRW, Mitglied im Ausschuß für Wissenschaft und Forschung: “Wissenschaft gefragt?! — Die Rolle von ExpertInnen”
     
  • Dr. Adrian Reinert, Geschäftsführer der Stiftung Mitarbeit, Bonn: “Alle an einem Strang? — Zu Möglichkeiten und Grenzen “neuer” Dialogverfahren”
     
  • Doris Sibum, wissenschaftliche Mitarbeiterin und Projektleiterin am SFZ: “LA 21 — Neues Zusammenspiel oder Spielwiese?”
     
  • Reiner Schäfer, Sozialreferent beim Evangelischen Kirchenkreis Gelsenkirchen und Wattenscheid: “Arbeit in die Hand nehmen — Das Beispiel GABS”
     
  • Renate Alt-Rosendahl, Wohnen mit Kindern e.V., Moers & Theo Rehbein, Bauvision e.V., Heidenrod: “Betroffenheit als Motor zur Veränderung. Ein konkretes Beispiel praktizierter Bürgergesellschaft”
     
  • Richard Häusler, Abteilungsleiter an der Volkshochschule Grafing, Vorsitzender des Bundesverband TU WAS e.V., Grafingen: “Kristalisationspunkte — Zur Bedeutung von Initiatoren und Moderatoren”
     
  • Prof. Dr. Hildegard Müller-Kohlenberg, Fachbereich Erziehungs- und Kulturwissenschaften an der Universität Osnabrück: “Kompetent, aber beargwöhnt? — Zur Rolle von Ehrenamt und Bürgerarbeit”
     
  • Dr. Volker Then, Projektleiter Stiftungswesen bei der Bertelsmann Stiftung, Gütersloh: “Stiften gehen? Zur Rolle und zur Bedeutung von Stiftungen”
     
  • Dr. Ludger Hünnekens, Geschäftsführer des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft im BDI e.V., Köln: “Unternehmen in die Bresche?! — Sponsoring und/oder Mäzenatentum”
     
  • Karl Jasper, Gruppenleiter im Ministerium für Arbeit, Soziales und Stadtentwicklung, Kultur und Sport des Landes NRW: “Fordern und fördern — Staatliche Unterstützungsansätze am Beispiel »Stadtteile mit besonderem Erneuerungsbedarf«”

     

Im Zusammenhang mit dieser Sommerakademie sind von mir zwei Texte unmittelbar zur Veranstaltung veröffentlicht worden, die als PDF-Dateien downgeloadet werden können; beide Texte sind unter den Veröffentlichungen zum Arbeitsbereich Bürgergesellschaft aufgeführt. Ein dritter Text, der weitergehende Schlußfolgerungen aus dieser Veranstaltung enthält, findet sich ebenfalls im PDF-Format als Textfassung eines Impulsreferates im Rahmen eines workshops zur Bürgerbeteiligung unter der Rubrik Vorträge/ Referate.

Schließlich ist aus der Sommerakademie auch ein Buch hervorgegangen: “Bürgergesellschaft. Floskel oder Programm”, hg. von Rolf Kreibich und Christian Trapp, verlegt beim Nomos-Verlag, Baden-Baden, 2002 

 

© Christian Trapp 2003