Resümee zur Studie “Erwerbsarbeit und Ehrenamt”
 

Erwerbsarbeit und Ehrenamt — zwei Pole in der Landschaft politischer bzw. gesellschaftlicher Gestaltung: Denn das Thema Arbeitslosigkeit dominiert im Zuge und neben der "Globalisierung" die politische Diskussion seit Mitte der 90er Jahre. Auf der anderen Seite gewinnt das Ehrenamt als konkreteste Form bürgergesellschaftlichen Engagements im Zuge der Diskussion um eine Umgestaltung oder ”Reform” gesellschaftlicher und politischer Strukturen zusehends an Gewicht.

Sich verfestigende Arbeitslosigkeit auf hohem Niveau als eine der zentralen Herausforderung für Politik und Gesellschaft auf der einen Seite, eine bewußte Förderung (und Einforderung) bürgergesellschaftlichen Engagements als eine mögliche Strategie zur Lösung gesellschaftspolitischer Dysfunktionen auf der anderen legen es nahe, Modelle zu denken und auszuprobieren, bürgergesellschaftliches Engagement auch für die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit nutzbar zu machen.

Ziel des Projektes "Erwerbsarbeit und Ehrenamt" war es, Formen und ggf. Projekte zu identifizieren, in denen ehrenamtliche Tätigkeit bzw. ehrenamtliches Engagement für Arbeitslose eine Brückenfunktion in den (ersten) Erwerbsarbeitsmarkt erfüllt. Vordergründiges Ziel der Arbeiten war dabei die Unterstützung des Ministerium für Arbeit, Qualifikation und Technologie des Landes Nordrhein-Westfalen (MASQT) in der Vorbereitung des Wettbewerbs "Zukunftsbrücke". Darüberhinaus aber bestand die Aufgabe in der Identifizierung genereller Problemfelder in der Schnittmenge von ehrenamtlicher Tätigkeit und erwerbswirtschaftlicher Beschäftigung sowie insbesondere etwaiger struktureller Hemmnisse, beides miteinander zu verknüpfen.

Die Ergebnisse des Projektes lassen sich allgemein wie folgt zusammenfassen:

  1. Ehrenamtliches Engagement kann kein Ersatz für Erwerbsarbeit sein: Es gibt funktionslogische Beschränkungen auf gesellschaftlicher wie auch individueller Ebene, die Ehrenamt als Ersatz für fehlende Erwerbstätigkeit sowohl in gesellschaftlicher als auch individueller Dimension nicht in Frage kommen lassen. (Motivations- und Anreizsystem, Notwendigkeit materieller Versorgung etc.)
     
  2. Das alte Ehrenamt ist nicht auf Erwerbsarbeit orientiert – Ehrenamt als Brücke in die Erwerbsarbeit ist "alt"-ehrenamtlich Tätigen nicht im Blick: Ehrenamtliche Tätigkeit im Sinne des alten Verständnisses bürgergesellschaftlichen Engagements erfolgt in der Regel aus einer gefestigten persönlichen (sozialen, materiellen wie immateriellen) Situation heraus, in der ehrenamtliche Tätigkeit für die eigene Erwerbstätigkeit (bis auf Imageeffekte) ohne Bedeutung ist.
     
  3. Auch das neue Ehrenamt ist nicht auf Erwerbsarbeit orientiert: Ehrenamtliche Tätigkeit im Sinne des neuen Verständnisses bürgergesellschaftlichen Engagements — biographieorientiert, intensiv, aber mit permanenter exit-option — orientiert sich an der Beseitigung empfundener Mißstände oder dem Tätigwerden in nicht aufgegriffenen Themen, die das unmittelbare soziale und/oder räumliche Nahfeld betreffen. Tätigwerden Nicht-Erwerbstätiger mit dem Ziel eigener Erwerbstätigkeit wird von anderen Motiven geleitet, als sie für das neue bürgergesellschaftliche Engagement charakteristisch sind.
     
  4. Ehrenamtliche Engagement anderer für den Einstieg in das Erwerbsleben Dritten läßt sich außerhalb institutioneller Organisationen  nur schwer erkennen – sie findet im Verborgenen statt: Ehrenamtliches Engagement ist – nicht zuletzt vielleicht aufgrund der Tatsache, daß es zwar Wertschätzung, jedoch (noch) keine (ökonomische) Verwertbarkeit erfährt – (noch) nichts, womit man sich brüstet – es findet in der Vielzahl im “kleinen Rahmen” statt. Doch: Wie bekannt darf man mit demjenigen, dem man durch sein Engagement zu einer Erwerbstätigkeit verhilft sein bzw. wie systematisch oder zahlreich muß derartiges Engagement sein, damit man von einer “Brückenfunktion” durch dieses Engagement sprechen kann? Die Grenze zwischen Engagement aus Empathie und dem Verständnis von Ehrenamt als systematisch genutztem Instrument ist fließend.
     
  5. Die Akteure im Bereich Förderung des ehrenamtlichen Engagements einerseits und der Beschäftigungsförderung jenseits der staatlichen Einrichtungen andererseits nehmen sich bislang nicht als Vertreter komplementärer Interessen wahr: Da ehrenamtliches Engagement als Brücke in die Erwerbsarbeit bislang weder in den Vorstellungen der Protagonisten bürgergesellschaftlichen Engagements der “alten” wie der “neuen” Art noch in denen derer aktiver Beschäftigungsförderung gedacht wird, nehmen sich beide Akteursgruppen gegenseitig kaum wahr; erst recht kommt es kaum zu einer Koordinierung oder gar Zusammenarbeit beider mit dem Ziel, eine derartige “Brücke” zu bauen.
     
  6. Das Potential ehrenamtlicher Tätigkeit liegt in der Integrationsleistung: Ehrenamtliche Tätigkeit eröffnet den derart Tätigen wesentliche – aber eben nicht alle – Funktionen, die auch Erwerbsarbeit liefert: Von der Selbstvergewisserung über soziale Teilhabe bis hin zur Einbettung in informelle Netze. Daraus können Brücken in die Erwerbsarbeit entstehen, die mit den Schlagworten "Aufbau sozialer Kompetenzen" und " informelle Netze" umrissen werden. Gerade für Arbeitslose sind aber die psychosozialen Stärkungen oftmals relevanter als die Hoffnungen, über ihr Engagement selbst in Erwerbstätigkeit zu kommen.
     
  7. Das Potential ehrenamtlicher Tätigkeit liegt in dem Erwerb von Qualifikationen: Ehrenamtlich Tätige erwerben durch eben diese Tätigkeit Qualifikationen, die für eine Erwerbstätig-keit von Vorteil sein können; allerdings fehlt es bislang noch häufig an der Berücksichtigung dieser Qualifikationen, weil sie in der Regel noch nicht formal zertifiziert werden.
     
  8. Das Potential ehrenamtlicher Tätigkeit liegt in der Erschließung neuer Tätigkeitsfelder: Bürgergesellschaftliches Engagement in Form ehrenamtlicher Tätigkeit ermöglicht die Erschließung neuer Tätigkeitsfelder, weil Bedarfe offengelegt und sichtbar werden, die von der kommerziellen Bewirtschaftung bislang nicht erfaßt worden sind. Wird durch die Inanspruchnahme ehrenamtlicher Tätigkeiten in solchen Bereichen ein hinreichender Bedarf deutlich, kann das dazu führen, neue Erwerbsfelder zu erschließen.
     
  9. Das Potential ehrenamtlicher Tätigkeit liegt in ihrem Freiraum für Kreativität und Innovation: Bürgergesellschaftliches Engagement in Form ehrenamtlicher Tätigkeit ist Tätigwerden über die eigenen Belange hinaus bzw. zum Wohle und Nutzen auch anderer. Dabei ergänzen sich der Aspekt der Freiwilligkeit und der Aspekt der Unabhängigkeit wegen fehlender (finanzieller) Abhängigkeit zu einem Nährboden für neue Ideen und Projekte, von denen auch das “klassische” Erwerbssystem profitieren kann.
     
  10. Unternehmen und Einrichtungen bedienen sich der aktuellen Hochbewertung ehrenamtlicher Tätigkeit zur Substitution von Beschäftigungsverhältnissen: Ehrenamtliche Tätigkeit kann Arbeitsplätze substituieren. Solche Prozesse finden offensichtlich vor allem in einfachen sozialen Tätigkeiten statt, die schon vorher mit gering Beschäftigten oder Honorarstellen besetzt waren, die dann durch ehrenamtlich Tätige ersetzt werden. Erwerbsarbeit wird in diesem Falle von dem Ehrenamt verdrängt; Verselbständigungseffekte dieser Entwicklung sind nicht auszuschließen.
     
  11. Auch die Förderung bürgergesellschaftlichen Engagements und ehrenamtlicher Tätigkeit entwickelt sich zusehends zu einem eigenen Markt: So konkurrieren nicht nur die Wohlfahrtverbände untereinander und mit staatlichen Einrichtungen um Mittel zur Förderung ehrenamtlichen Engagements, sondern auch schon Unternehmen, die die Vermittlung von Engagierwilligen als unternehmerische Aufgabe betrachten. Damit aber droht auch dieser Bereich tätiger Selbst- und Nächstenhilfe dem Primat betriebswirtschaftlicher Effizienz unterworfen zu werden, was die Beschäftigungseffekte ehrenamtlichen Engagements schnell zunichte machen würde.
     
  12. Die beschäftigungspolitisch forcierte Förderung des Ehrenamtes beinhaltet erst einmal beides: Professionalisierungstendenzen im Ehrenamt und Qualitätsverluste im Erwerbsbereich: Die Frage, inwieweit der Trend zur Professionalisierung ehrenamtlichen Engagements und ehrenamtlicher Tätigkeit die einfache Bereitschaft, freiwillig und unentgeltlich tätig werden zu wollen, nicht mehr bedient oder die Substitution ehemals erwerbsmäßig betriebener Tätigkeiten durch ehrenamtlich Tätige zu einer Verflachung des Qualitätsniveaus führt, läßt sich derzeit nicht beantworten, ist aber jederzeit zu stellen, wenn man ehrenamtliche Tätigkeit beschäftigungspolitisch ausbauen oder gar instrumentalisieren will.
     
  13. Die Förderung ehrenamtlichen Engagements ist kein Ersatz für eine konsistente Beschäftigungspolitik – allenfalls eine sinnvolle Ergänzung: Die Förderung ehrenamtlichen Engagements und die Nutzung dessen qualifikatorischer wie beschäftigungspolitischer Potentiale als “Ersatz für abnehmende Weiterbildungsanstrengungen und Arbeitsmarktmaßnahmen von Staat und Betrieben [ist] [..] eine gefährliche Strategie.” (WSI-Mitteilungen, 3/2001) Ehrenamtliches Engagement kann und darf sozialstaatliche wie auch unternehmerische Aufgaben nicht ersetzen – es kann sie allenfalls ergänzen.
     
  14. Die Stärke und vielleicht gesellschaftlich wie individuell wichtigste Funktion ehrenamtlichen Engagements liegt in der Förderung “sozialen Kapitals”, nicht in der Behebung struktureller Defizite: Ehrenamtliches Engagement dient immer noch — neben allen Diskussionen zum Thema “Erwerbsarbeit und Ehrenamt” — auch und vielleicht primär der Förderung des “sozialen Kapitals”, welches sich jenseits aller Kosten-Nutzen-Rechnungen und im “Schatten der Gesetze” entwickelt. Diese möglicherweise nie ausreichend zu erforschende Qualität über die alltäglichen Dinge (Zusammenhalt, Hilfe, Unterstützung) darf im Zuge ökonomischer und ökonomisierender Betrachtungen nicht aus dem Blickwinkel geraten. Verstärktes ehrenamtliches Engagement kann den Übergang von der “alten” zur “neuen” Arbeitsgesellschaft vielleicht begleiten, es ist aber ein unbrauchbares Mittel, den Anpassungsdruck der veränderten beschäftigungspoltischen Rahmenbedingungen aufzufangen und Veränderungsnotwendigkeiten zu negieren.  

     

© Christian Trapp 2003